Während auf der einen Seite Packtaschen boomen und man den halben Hausstand zum Overnighter ans Expeditionsbike klettet und schnürt, ist auf der anderen Seite so ein Hauch von Trend zum Verstauen und Verstecken des Allernötigsten in Form von Werkzeugen, Pumpen und Flickzeug am und im Rad zu beobachten. Ich finde die Idee ganz spannend und habe mir die Konzepte mal näher angesehen.

Marktübersicht

  • Specialized SWAT: Die tiefste Integration mit Transportfächern im Unterrohr bei einigen Modellen und das breiteste Angebot zum Nachrüsten mit Flaschenhaltern oder Sätteln mit Zusatzfunktion bietet Specialized.
  • Topeak Ninja: Topeak versteckt die Minipumpe in der Sattelstütze, den Kettennieter in den Lenkerenden und ein Multitool in einer  Box unterm Flaschenhalter.
  • Sahmurai S.W.O.R.D.: Den Markt der „Gummi-Würstel in Tubeless-Reifen-Löcher stopfen“-Werkzeuge teilen sich die Rennfahrer Max Friedrich mit MaXalami und Stefan Sahm mit der gefälligeren, weil im Lenkerende verstauten Variante.
  • All In Multitool: Die Hollowtech-II- und GXP-Wellen sind hohl und von einer Seite zugänglich, daher bringt All In hier ein Multitool mit Bitsatz unter.
  • Mineral Barstow System: Ein Kettennieter und ein Reifenheber verschwinden mit den Mineral Endkappen im Lenker.
  • Rugged Aheadkappe: Zwei L-Schlüssel mit je zwei verschiedenen Werkzeug-Enden können zur Hebelverlängerung kombiniert werden und verschwinden nach dem Einsatz im Steuerrohr.
  • OneUp EDC Tool: Mini-Tool, Kettennieter, Kettenschloss, Reifenheber und CO2-Kartusche werden wahlweise im Gabelschaft oder in einer Minipumpe verstaut.
  • Ich ergänze diese Liste gerne, wenn dir noch was einfällt!

Warum Werkzeug am Rad verstauen?

So richtig definiert scheint die Zielgruppe noch nicht zu sein. Mal ist es der Racebiker, der die Trikottasche frei von potenziell gefährlichen Werkzeugen halten will, mal der Feierabend-Biker dem aus Zeitgründen eine Flasche genügt und mal der Rennradfahrer, der sein Gefährt nicht mit Taschen verunstalten will.

Ich persönlich fahre zwar immer mit Camelbak wegen der Wasserversorgung und habe eigentlich mehr als genug Stauraum, empfinde es aber als lästig und langsam den Rucksack ausziehen und irgendetwas aus einem der Fächer herauskramen zu müssen. Fahre ich im Dunkeln, potenziert sich das Nerv-Potential weil der Helmlampen-Akku im Rucksack steckt und ich den Helm ausziehen oder die Lampe vom Akku trennen muss, um den Camelbak auszuziehen.

Auf der anderen Seite möchte ich mein Rad optisch auch nicht mit Ersatzteilen oder Werkzeugen verschandeln, die mit Klebeband behelfsmäßig angebracht sind. Auch eine Pumpe am Flaschenhalter ist irgendwie keine Option unter ästhetischen Gesichtspunkten. Was bleibt ist also die Integration.

Was funktioniert

Die Flaschenhalter mit angeschlossener Box dürften an den meisten Rädern passen, ein Specialized-Sattel mit der SWAT-Aufnahme lässt sich auch an jedes Rad montieren. Die Lenkerendstopfen mit Mehrwert passen in viele, wenn auch nicht in alle Lenker.

Genauso sieht es mit dem Tool von All In aus – kompatible Hollowtech-II- und GXP-Kurbeln sind weit verbreitet, an einem leichten Rad fährt man aber auch gerne mal was mit 30mm-Welle.

Die mit Werkzeug und CO2-Kartusche gefüllte Pumpe von OneUp kann unterm Flaschenhalter befestigt werden, aber auch in der Trikottasche oder selbst im Rucksack ist das aufgeräumte Design nicht fehl am Platz.

Was scheitert

Bei Carbonschäften, die an leichten MTBs keine Seltenheit sind, fallen Aheadkappen-Lösungen die wie Rugged eine spezielle Kralle oder wie OneUp ein Innengewinde im Schaft benötigen raus.

Wenn man bei Mineral die Lenkerendstopfen, bei Specialized den Kettennieter und bei Topeak die in der Sattelstütze steckende Pumpe erst mit einem Inbus befreien muss – wo hat man den verstaut? – ist das Konzept meiner Meinung nach schon gestorben. Das ist dann weder schneller noch eleganter als gleich genau das Werkzeug das man braucht aus dem Rucksack zu ziehen anstatt ein weiteres Werkzeug zur Werkzeugentnahme zu brauchen.

Im Grunde ist der erhöhte Aufwand der Entnahme von verschiedenen Werkzeugen aus verschiedenen Verstecken am Ende der Knackpunkt für die ganze Idee. Woher nehme ich die CO2-Kartusche, wenn ich das Sahmurai-Schwert aus dem Lenkerende in den durchlöcherten Reifen gerammt habe, woher das Kettenschloss mit dem ich die Kette wieder verschließe nachdem ich mit dem Topeak-Nieter ein verbogenes Glied entfernt habe? Ja genau, aus der Trikottasche, dem Rucksack oder der Satteltasche.

Die Kombination von OneUp scheint mir noch am besten einsetzbar, zumindest in der langen Version der Pumpe mit CO2-Kartusche. Nach dem CO2-Einsatz muss man oft nochmal mit der Handpumpe nachlegen. Auch die Möglichkeit ein Kettenschloss unterzubringen und nicht nur den Nieter ist sinnvoll gelöst.

Praxistest: Passform

Zwei dieser Werkzeuge habe ich mir bereits vor längerer Zeit gekauft: Das Sahmurai-Sword und den Topeak Ninja C Kettennieter. Zunächst traten die beiden Werkzeuge im Verstauen gegeneinander an. Als Lenker waren ein Syntace Vector Carbon Low10 mit 17mm Innendurchmesser und ein Bike Ahead Composites The Flatbar mit 20,4mm Innendurchmesser zugegen, stellvertretend für dick- und dünnwandige Lenker auf dem Markt.

Jaaaa, ich weiß, meine Fotoqualität

Der Topeak-Nieter mit nominell 16,5-20mm Durchmesser passte knapp in den Syntace, aber nicht in den Bike Ahead. Klar, der ist auch größer als erlaubt, aber es gibt ja durchaus noch leichtere und dünnere Lenker. Der Verstellmechanismus bei Topeak ist eine Qual, man quetscht mit einer Hülse auf einem recht groben und schwergängigen Gewinde einen breiten Gummiring auseinander. Mit einem größeren Durchmesser am außenliegenden Teil wäre es einfacher, aber die Zielgruppe sind Rennradfahrer und da wollte man wohl um jeden Preis vermeiden auch ein dünnes Lenkerband zu überragen. Verstellen im Lenkerende ist quasi unmöglich weil sich alles mitdreht, erst schrauben und dann reindrücken ist die Devise. Will ich das wirklich auf ruppigen Trails bergab fahren? Nein, definitiv nicht.

Das Sahmurai-Tool ist mit 17-21mm angegeben, passte aber nicht in den Syntace. Dafür funktioniert der Mechanismus einwandfrei und vor allem nach dem Einstecken ins Lenkerende im dünnwandigeren Bike Ahead und vermutlich auch wesentlich dünneren Lenkern. Der deutlich größere Durchmesser macht das Greifen, Lösen und Festdrehen einfach. Weil das Werkzeug bauartbedingt deutlich leichter ist als der Kettennieter, macht die Befestigung einen extrem sicheren Eindruck.

Praxistest: Funktion

Ich wollte keinen Reifen zerstechen zum Test, aber dass MaXalami und Sahmurai grundsätzlich funktionieren sollte bekannt sein. In der Praxis stört am Sahmurai, dass aus Verlegenheit eine Art Raspel für das zweite Lenkerende hinzugefügt wurde. Die soll bei Bedarf das Loch im Reifen aufrauen, vergrößern oder whatever, ich finde es einfach nur unnötig. Da wären zwei gleiche Werkzeuge bestückt mit je einer Gummiwurst oder ein Werkzeug zum Abtrennen der überstehenden Enden sicher sinnvoller.

Da war die Kette noch in einem Stück

Da schmale Ketten verdammt fest vernietet sind und das Heraustrennen eines defekten Kettenglieds zum Ersatz durch ein Kettenschloss der häufigste Einsatzfall unterwegs sein dürfte, habe ich den Topeak an einem Reststück einer Shimano 11fach-Kette ausprobiert. Mit dem kleinen Park Tool CT-5 breche ich mir da regelmäßig fast die Finger. Zu meinem Erstaunen liegt der Topeak Ninja C sehr viel besser in der Hand und bietet genug Hebelweg, um die Kette ohne größere Anstrengung zu zerteilen. Wenn er im Pannenfall also tatsächlich noch im Lenkerende steckt, nietet er wie ein großer auch aktuelle Ketten – inklusive Campa, bei denen der Niet ja tatsächlich ein solcher ist und nach dem Eindrücken noch zusammengepresst werden muss.

Meine Pläne zur Werkzeug-Integration

Beim Recherchieren, Ausprobieren und Schreiben ist mir eines klar geworden: Seit ich den Extremleichtbau hinter mir gelassen habe, habe ich wirklich sehr selten Pannen. Alternde Reifen, die tubeless irgendwann einfach keine Luft mehr halten wollen, waren in den letzten Jahren die größten Ärgernisse. Ab und an ein aufgeschlitzter Reifen, ein abgerissenes Schaltauge, ein gerissener Schaltzug – da hilft dann auch schnell zugängliches Werkzeug nicht mehr. Einen Platten, den ich mit Sahmurai hätte flicken können, oder einen Kettenriss hatte ich jeweils vielleicht einmal in den letzten 10 Jahren.

Wenn das Tallboy mal fertig und ich wieder halbwegs in Form bin, werde ich wahrscheinlich wieder Rennen fahren – sobald ich ein Auto habe, vielleicht auch mal in Gegenden die unfreundlicher zu Reifen sind als meine Hometrails. Da könnte ich mir durchaus vorstellen, zwei Sahmurai-Schwerter in den Lenkerenden und eine CO2-Pumpe im Gabelschaft zu transportieren. Ansonsten wäre ein Ersatzschlauch in einer kleinen Tasche als Rahmenschutz am Lefty-Standrohr oder irgendwie integriert unterm Sattel überlegenswert.

Aber da es bei den meisten meiner Ausfahrten nicht um Sekunden geht, bleibe ich wohl im Allgemeinen beim Camelbak als Verstaumöglichkeit für mein Werkzeug. Für längere Ausfahrten ist außerdem der Gabelschaft als Aufbewahrungsort für einen Zusatzakku für den Garmin vorgesehen, insofern wird es mit der dauerhaften Integration eh nichts.

Den Kettennieter werde ich vermutlich nicht mehr brauchen. Solchen fast neuen Kram, für den sich der Aufwand des Verkaufens nicht lohnt, würde ich eigentlich gern auf meiner Facebook-Seite verlosen, aber dafür könnte es noch ein paar Follower gebrauchen 😉

Ein Kommentar zu “Werkzeug am Rad verstecken – SWAT, Ninja und Co.

  1. Cooler Artikel!
    Habe ihn durch Zufall gefunden, aber ihn mit Spannung gelesen. Vor zwei Stunden, danach hab ich etliche andere Sachen auf deiner Seite durchschmökert.
    Minimal Service bei RockShox etc.
    Danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Please leave these two fields as-is: