Ich scheine als langjähriger Nokia- und Polar-Nutzer ein Faible für untergehende ehemalige finnische Weltmarktführer im Bereich elektronischer Geräte zu haben. Wie es dazu kam und warum sich 2016 vieles geändert hat, will ich nachfolgend erläutern. Insbesondere geht es natürlich um meinen Anfang des Jahres vollzogenen Umstieg von Polar zu Garmin, aber auch um Elite vs. Tacx wie hier schon mal kurz angedeutet. Achtung, viel Text mit wenig Bildern!

Man darf mich ungestraft als Nerd bezeichnen und im Innovation Adoption Lifecycle gehöre ich bei vielen Dingen wohl am ehesten in die Schublade „Early Adopter“. Wer diese Kurvenform zwar noch grob vom alten 10-DM-Schein kennt, aber mit den Begriffen nichts anfangen kann: Es geht um die Durchdringung der Bevölkerung mit einer neue Technologie. „Innovators“ stürzen sich auf alles Neue ohne Scheu vor Kosten oder Risiko, “ Early Adopters“ sind auch noch vor der Mehrheit, die sich in früh und spät unterteilt, ausgerüstet mit neuen Geräten oder nutzen neue Dienste. Am Ende stehen die „Laggards“, die Nachzügler oder Zauderer, also die Leute die nur deswegen keine Wählscheibentelefone, großen Röhrenfernseher oder 26-Zöller mehr kaufen, weil’s keine mehr gibt.

Wie ich früher Gadgets gekauft habe

Von meinen letzten drei Nokias (N95 8GB, N8, Lumia 1020) – zum Zeitpunkt des Erscheinens jeweils mit der besten Handy-Kamera am Markt und zum Teil einzigartigen Sensoren und Schnittstellen ausgestattet – über die Fahrradcomputer mit der präzisesten Herzfrequenzmessung von Polar (725s, CS600, V800) bis hin zum Rollentrainer mit der kräftigsten Bremse: Meistens war ich stark auf wenige bestimmte Hardware-Eigenschaften fixiert.

Dabei kann niemand behaupten, ich hätte Kaufentscheidungen konservativ oder engstirnig getroffen. Dem N8 gingen 2010 jeweils dreitägige Versuche mit dem Samsung Galaxy S und dem iPhone 4 voraus, parallel zum CS600 habe ich 2013 auch einen o-synce navi2coach und 2014 den Garmin Edge 810 genutzt bevor ich dann zur V800 gegriffen habe.

Stets waren es meine zum Teil eher speziellen Anforderungen, die den Ausschlag für ein Produkt gegeben haben: Die drahtlose Synchronisation von Kontakten und Kalendereinträgen mit Internetdiensten, lange bevor alle von der Cloud redeten, oder der reibungslose Übergang samt aller alten Daten zum Nachfolger. Die Bedienbarkeit oder das Nutzungserlebnis lagen dabei nicht so sehr in meinem Fokus. Das nächste Update war ja stets angekündigt und versprach Verbesserungen.

Nun wissen wir ja alle, wie das mit Nokia ausging und dass Polar zwar halbwegs die Kurve gekriegt hat, aber auch noch lange nicht an alte Marktführer-Zeiten anknüpfen kann. Während der letzten Jahre habe ich also meine Erfahrungen gesammelt und, so hoffe ich zumindest, etwas daraus gelernt.

Erste Erkenntnis: Ein Update soll neue Funktionen bringen, keine „alten“

Ja, die Hoffnung auf das nächste Update stirbt zuletzt. Ich verlinke jetzt mal nicht meine euphorischen Beiträge über neue Evolutionsstufen von Symbian, die darfst du selbst suchen und dich amüsieren, wie sehr ich daneben lag mit der Einschätzung dass Nokia nochmal aufholt. Symbian war spätestens in dem Moment tot, in dem das berühmt-berüchtigte „Burning-Platform-Memo“ von Stephen Elop an die Öffentlichkeit gelangte. Man muss im Rückblick sagen: zu Recht. Im heutigen Appstore-Zeitalter kann man sich gar nicht mehr vorstellen, welcher Aufwand teilweise nötig war um Software zu finden und zum Laufen zu bringen, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten für Entwickler die riesige Anzahl an leicht unterschiedlichen Geräten, Formfaktoren und Displaygrößen unter einen Hut zu bringen.

Ähnlich verhielt es sich am Anfang mit dem Elite Real Power. Optimistisch gestimmt von der Bremseinheit hatte ich die Hoffnung, alles würde sich zum besseren wenden. Dann kam nach mehrfacher Verschiebung die Software in Version 7 und mir wurde langsam klar, dass nicht mehr viel mehr zu erwarten war. Wer softwaretechnisch hart im Nehmen ist und einen günstigen, extrem leisen Trainer sucht – ich verkaufe meinen.

Polar Flow erlaubte den lange angekündigten Import von Daten aus der PC-Software Pro Trainer 5 ca. ein Jahr nachdem ich, auch in Erwartung dieser Funktion, auf die V800 umgestiegen war. Die Möglichkeit, einen Track nachzufahren, gibt es bis heute nicht.

Daraus folgt Erkenntnis Nummer eins: Updates sind toll, wenn vorhandene Geräte dadurch auf dem neusten Stand bleiben, aber nicht wenn man von Anfang an auf die Nachrüstung allgemein üblicher Funktionen vertröstet wird.

Zweite Erkenntnis: Alltagstauglichkeit geht vor

Als letztes Jahr mein geliebtes Samsung Q45 abrauchte und mein neuer Laptop auf sich warten ließ, konnte ich mit dem ollen Nokia N8 zwar passwortgeschützte geteilte RAR-Archive herunterladen und entpacken, .avi- und .mvk-Videos abspielen sowie über HDMI an den Fernseher ausgeben und damit die computerlose Wartezeit etwas erträglicher machen, während mein damals aktuelles Smartphone gleich an mehreren dieser Schritte mangels Hard- oder Software scheiterte. Auf der anderen Seite war es aber auch ein benutzerunfreundlicher Krampf und stürzte häufig zwischendurch ab.

Das erinnerte mich wiederum an die Stunden, die ich vor dem Computer statt auf der Rolle verbrachte, um zu recherchieren wie man diese oder jene Unzulänglichkeit der Elite-Software beheben könnte. Aus diesen Erfahrungen war recht einfach Erkenntnis Nummer zwei zu gewinnen: Ja, ich knaube gerne an Geräten herum und löse Probleme, die ich ohne diese Geräte nicht hätte – aber eben nicht ständig. Für den Alltagseinsatz hätte ich in erster Linie doch gerne Technik, die einfach nur funktioniert.

Dritte Erkenntnis: Ökosystem über alles

Wenn Nokia als Beispiel für verpasste Trends herhalten muss, wird eigentlich immer darauf herumgeritten dass sie dem Touchscreen nach Vorstellung des ersten iPhones nichts abgewinnen konnten und anderthalb Jahre/Produktzyklen von der iPhone-Ankündigung bis zur Ankündigung des ersten eigenen Handys mit Touchscreen benötigten. Genauso könnte man Polar vorwerfen, die Integration von GPS in ihren Uhren und Fahrradcomputern verschlafen haben. Das ist meiner Meinung aber nur die halbe Wahrheit. In beiden Fällen war es neben dem verpassten Trend auch die Arroganz des Marktführers sich auf der Dominanz in einem dann schneller als gedacht aussterbenden Geschäftszweig (einfache Handies/Pulsuhren) zu verlassen.

Für den uneinholbaren Vorsprung sorgte aber nach meiner Einschätzung letztlich das Ökosystem der Innovatoren, das den Nutzer bindet und davon abhält überhaupt etwas anderes zu probieren, weil es ihm alles bietet was er benötigt. Nutzer von Nischengeräten zu sein, ist dagegen in mancherlei Hinsicht frustrierend. Neue Smartphone-Apps gibt es nun mal zuerst für das iPhone, Kamera-Zubehör im Outdoor-Bereich ist in erster Linie GoPro-kompatibel und Lenkerhalter und dergleichen passen eben für Garmin-Geräte.

Erkenntnis Nummer drei: Entscheidend ist am Ende nicht, was ein einzelnes Gerät wie die für sich genommen hervorragende Triathlon-Uhr V800 kann oder ob die Firmware regelmäßige Updates erfährt. Was Steve hatte und Stephen wollte, das zählt unterm Strich: Das Ökosystem aus Geräten, deren Firmware, Diensten in der Cloud und den zugehörigen Apps für Computer, Tablets und Smartphones ist das wichtigste. Das gilt gleichermaßen für den Normalnutzer, für den reibungslose Funktion an erster Stelle steht, wie für den Technikbegeisterten, weil auch Drittanbieter mit neuen Ideen natürlich nicht für irgendwelche Exoten, sondern um schnell viele Kunden zu erreichen für das größte Ökosystem entwickeln.

Erstes Opfer: Elite

Auch wenn die aktuellen Geräte Bluetooth Smart und ANT+ unterstützen, kommt Elite für mich nicht mehr in Frage. Updates oder gar Hardware-Upgrades kommen sehr viel spärlicher und später als bei Tacx, für meinen alten Real Power gibt es leider weder Treiber für Windows 10 geschweige denn ein Hardware-Upgrade auf die modernen Übertragungsstandards, so wie es Tacx für ältere Exemplare des Topmodells iGenius anbietet.

Deswegen habe ich mir für den Übergang erst mal einen Tacx Bushido Smart zugelegt. Ja, ich habe tatsächlich dazugelernt und nicht das im ersten Modelljahr befindliche Topmodell Neo gekauft, weil ich da zumindest noch Steckachsen- und Boost-Kompatibilität vermisse und auf die Ausbügelung eventuell vorhandener Kinderkrankheiten warte. Eine gewisse Zukunftsfähigkeit sollte bei den Preisen schon drin sein, schließlich spricht technisch nichts dagegen einen Rollentrainer viele Jahre zu verwenden.

Zweites Opfer: Polar

Als einziges Gerät reichte mir die V800 nicht aus, weil sie immer noch keine Tracknavigation kann, auch wenn das irgendwann mal versprochen wurde. Ich fahre bekanntlich gelegentlich mal längere mir unbekannte Strecken mit dem Rad, beispielsweise zu CTF, und will nicht zwei Geräte auf dem Lenker haben. Zudem ist sie ziemlich schwer. Eine Neuanschaffung stand also an.

Ironischerweise gaben unter anderem auch zwei auf den ersten Blick positive Nachrichten aus Finnland den Ausschlag zur Konkurrenz: Die lange versprochene Anbindung von Polar Flow an Strava mit automatischem Upload der Trainingseinheiten und die Markteinführung einer eigenen Waage, die direkt mit Polar Flow kommuniziert. Bei genauerem Hinsehen waren die Neuigkeiten aber selbst für mich als loyalen Polar-Nutzer enttäuschend.

Die Strava-Anbindung, technisch nicht gerade Raketenwissenschaft, kam nicht nur Monate später als angekündigt, die Konkurrenz konnte das schon anderthalb Jahre vorher und die Anbindung an weitere Plattformen ist nicht in Sicht. Dabei stellt sich für mich gar nicht die Frage, ob ich persönlich Strava oder weitere Dienste überhaupt nutzen möchte. Wenn ein Ökosystem nicht mit den Bedürfnissen der Nutzer Schritt hält und sehnsüchtig erwartete Funktionen so spät kommen, wäre jegliche Hoffnung auf schnelle Nachrüstung einer zukünftigen für mich interessanten Funktion völlig unbegründet. Das softwareseitige Hinterherhinken wird in den meisten Fällen eher größer als kleiner mit der Zeit, muss ich wohl aus eigener Erfahrung konstatieren.

Tja, und die Waage erst: Natürlich kann man über die absolute Aussagekraft von Körperfettmessung und weiteren heute üblichen Parametern trefflich streiten, aber zumindest für die Darstellung von Veränderungen über  längere Zeiträume erscheinen mir diese Daten interessant. Wenn jede 30-Euro-Waage diese Werte messen und alle gleichteuren Konkurrenzprodukte sie auch gleich in verknüpfte Portale hochladen können, dann ist das Angebot von Polar leider nicht mehr auf der Höhe der Zeit – insbesondere, wenn das eben nur mäßig ausgebaute Ökosystem – keine Windows-Phone-App! – mich dazu zwingt, beim Wiegen zuerst aktiv den Empfang an der Uhr zu starten und diese dann per Kabel – per Kabel, im 21. Jahrhundert! – mit dem PC zu verbinden um die Daten zu Polar Flow zu übertragen. Da kann ich den Wert auch von einer analogen Waage ablesen und von Hand eintragen.

Gut, davon wäre ich auch nicht gestorben. Es setzt sich aber bei den anderen Geräten fort. Der M450 und der V650 entsprechen größenmäßig zwar dem Edge 520 und Edge 820, funktionsmäßig kann aber auch der größere Polar dem kleineren Garmin nicht das Wasser reichen. Außerdem – und ja, da bin ich nunmal so wahnsinnig – kann Polar sich ja rote Tasten und das rote „O“ im Schriftzug nicht verkneifen, was sich bei den aktuellen Geräten nicht mehr so leicht beheben lässt wie früher:

Polar Detail klein
Polar CS600 ohne Farbtupfer

Ein weiterer Anstoß zum Wechsel war die Veröffentlichung von Garmin Connect als Universal App für Windows 10 und Windows 10 Mobile. Anfang des Jahres bin ich daher auf eine vivoactive als Activity Tracker und vielleicht gelegentliche Laufuhr sowie einen Edge 520 als Haupt-Fahrradcomputer umgestiegen und habe mir zur Abrundung gleich noch die passende Waage zugelegt.

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vivoactive und Edge 520 auf Index Waage

Der Edge 810, der immer mal wieder als Zweitgerät neben der V800 zum Navigieren herhalten musste, war auch noch vorhanden. In der Theorie hätte ich dann auswählen können ob die Tracknavigation und der eingeschränkte Kartenspeicher des 520ers ausreichen oder ob ich eine routingfähige Karte und das größere Display des 810ers brauche.In der Praxis konnte ich mich weder zum Laufen aufraffen noch habe ich jemals zwischen 520 und 810 gewechselt, sondern nur die Tracknavigation am 520 genutzt und mit Erscheinen gleich den Edge 820 gekauft, weil der im 520-Format alle 810-Funktionen plus einige Extras bietet.

Gefühlt, denn Vergleichsmessungen habe ich nicht angestellt, war die V800 etwas präziser in Sachen GPS und die Darstellung von Belastung und Erholung in Polar Flow schöner gelöst. Aber egal wie gut die V800 das kann, was sie kann oder welche erfreuliche wenn auch nicht rasante Entwicklung Polar Flow erlebt hat: Die Auswahl an unterschiedlichen Produkten für verschiedene Bedürfnisse, die Erweiterung vieler Geräte über Garmin Connect IQ, was man vereinfacht auch als Appstore bezeichnen könnte, die Einbindung neuer Hardware wie das Varia-Radar oder das Headup-Display Varia Vision und die dafür notwendigen Software-Updates für ältere Geräte sprechen im Moment eindeutig für Garmin. Wirkliche Innovationen sind wohl für die nahe Zukunft eher in diesem Ökosystem zu erwarten.

Zur Analyse von Trainingseinheiten wurde ich bei meinen ersten Versuchen mit Garmin Connect vor anderthalb Jahren nicht warm, hatte aber auch ein wenig Scheuklappen auf was den Datenexport und Synchronisation betrifft. Hier ist Polar Flow, was leider ebenfalls hinter der alten PC-Software von Polar zurücksteht, wiederum im Hintertreffen. Im Moment bin ich noch etwas am rumprobieren, aber wenn ich die für mich beste Lösung gefunden habe werde ich zum Import der alten Daten aus Polar Flow und Pro Trainer 5 einen eigenen Beitrag schreiben.

Drittes Opfer: Nokia/Windows 10 Mobile

Zunächst war app-mäßig seit Windows 10 kurzfristig ein Silberstreif am Horizont zu sehen ist, so zum Beispiel in Form von Garmin Connect. Doch seither ging es eher bergab und viele bekannte Apps von großen Namen wie Paypal, Ebay und Amazon wurden eingestellt. Der Marktanteil von Windows Phone oder Windows 10 Mobile ist so gut wie nicht mehr vorhanden, neue Geräte sind Mangelware. Ich habe mir deswegen vor einigen Wochen einen Ruck gegeben und bin auf Android umgestiegen. Deswegen haben ich jetzt auch mal endlich diesen Beitrag beendet, den ich eigentlich schon kurz nach dem Umstieg auf Garmin begonnen hatte.

Den größten Vorteil von Android stellte ich schon beim Einrichten fest: Microsoft bietet alle gewohnten Apps auch für Android an, weil der Marktanteil einfach erdrückend ist und von einem Software-Anbieter, der mit der Zeit gehen will, eben einfach nicht ignoriert werden kann. Insofern fühlte ich mich recht schnell heimisch. Auf der anderen Seite würde ich aber jederzeit die Kacheloberfläche mit den „Live Tiles“ sofort wieder nehmen, so toll finde ich die Oberfläche des Google Pixel nicht.

tl;dr

Technologie hält in immer mehr Belangen Einzug in unser tägliches Leben, das ist eine Binsenweisheit. Auch wenn du diesen Text nicht auf deinem Kühlschrank oder smarten Badezimmerspiegel liest stimmst du vermutlich zu. Deswegen kann ich nur wärmstens empfehlen, bei Neuanschaffungen den Gedanken des Ökosystems zu berücksichtigen und sich dahingehend umfassend zu informieren. Als Quintessenz sollte jedenfalls nicht hängenbleiben „lauf der Masse hinterher“, dann läuft man mitunter auch in Sackgassen oder bleibt ewig beim althergebrachten – von Firmen (oder Industrien) die nicht oder zu wenig über Ökosysteme nachdenken sollte man unabhängig von der Nutzerzahl eher die Finger lassen.

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